GOETHE, Johann Wolfgang von (1749-1832). Das Römische Carneval. 4to (270 x 212 mm). Mit 20 handkolorierten Kostümkupfern, nach Georg Schütz radiert von Georg Melchior Kraus und 1 grossen Maskenvignette auf Titel, gestochen von und nach Johann Heinrich Lips. 69 S., 1 Bl. Errata sowie kleinformatigem Zettel mit der zehnzeiligen 'Nachricht an den Buchbinder'. Original-Broschur mit klassizistischem Rahmenornament auf Vorder- und Hinterumschlag. unbeschnitten (Rückenbezug fehlt teilweise, Umschlag geringfügig fleckig). In Leinenkassette (290 x 233 mm). Berlin, gedruckt bei Johann Friedrich Unger; Weimar und Gotha in Commission bey Carl Wilhelm Ettinger, 1789.

CHF 62'000.-

Im Originalzustand belassenes, völlig unbeschnittenes Exemplar mit dem klassizistisch ornamentierten Heftumschlag, in den der Weimarer Hofbuchbinder Friedrich Ernst Christian Zänker (1777-1843) nahezu die gesamte Auflage einband. Erhalten hat sich auch die unbekannte 'Nachricht für den Buchbinder'.

Als einzigen Teil seines Reisetagebuchs, das Goethe komplett erst1816/17 als 'Italienische Reise' innerhalb seiner Autobiographie 'Dichtung und Wahrheit' edieren sollte, liess er hier seine Beschreibung des römischen Karnevals veröffentlichen. Aus eher distanzierter Warte betrachtet, wird ihm das Spektakel zur allegorischen Darstellung der Gesellschaft, in dessen Verlauf jegliche Ordnung aufgehoben wird. Der Schöngeist, Schriftsteller und Verleger Friederich Justin Bertuch (1747-1822) liess Goethes Text als Luxusdruck - der einzige, der zu Lebzeiten des Dichters erschien - durch den Berliner Johann Friedrich Gottlieb Unger (1753-1804) drucken, der damit erstmals einen Goethe-Text verlegen durfte. Seit 1788 besass er als einziger deutscher Buchdrucker das Privileg, mit der um 1775 von François-Ambroise Didot entwickelten eleganten Antiqua Schrifttype ('Didotsche Lettern') zu drucken. Damit wurde dem in der lateinischen Kulturtradition verwurzelten literarischen Inhalt auch die adäquate typographische Gestalt gegeben. Die gesamte Druckauflage belief sich auf 318 (und nicht wie häufig kolportiert 250) Exemplare, wovon Unger 300 auf 'Schweizer Papier' (wohl aus einer Basler Papiermühle) und zehn auf "Schweizer Klein Royal" druckte, dazu noch ganz wenige auf Vélinpapier.

Die zwanzig Kostümkupfer, die Goethe in Rom von seinem dortigen Hausgenossen Georg Schütz zeichnen liess, wurden durch Georg Melchior Kraus, Direktor der Freien Zeichenschule in Weimar, radiert, auf starkes holländisches Büttenpapier gedruckt und schliesslich von Absolventen der Zeichenschule von Hand illuminiert. Den dreizehn Volksmasken mit Darstellungen von Landmädchen, Frascatanerinnen, einem Fischer, Neapolitaner, Schiffer, Advokat, Grieche, von Kindern, Fremden u.a. wurden sieben Masken der sogenannten Festinen gestellt, "große maskirte Bälle, welche in dem schön erleuchteten Theater Aliberti einige Male gegeben werden" (S. 58), und die dem einfachen Volk verschlossen waren. Die vielbewunderte grosse Maskenvignette auf dem Titelblatt schuf der Zürcher Kupferstecher Johann Heinrich Lips, der auf Drängen Goethes, im Sommer 1789 dem Ruf der Freien Zeichenakademie in Weimar folgte.

Innert wenigen Monaten vergriffen, galt das 'Das Römische Carneval' bereits zu Lebzeiten Goethes als grosse literarische und bibliophile Rarität. In einem Schreiben an Anna Amalie vom 15. Dezember 1789 beklagte er sich über die zu klein geratene Druckauflage, die "nun ganz vergriffen ist". Drei der 22 Freiexemplare hatte der Verfasser erhalten, der, nachdem er sie alle grosszügig verschenkt hatte, zeit seines Lebens vergeblich versuchte, wieder in den Besitz eines Exemplars zu gelangen. Der in der Januar-Nummer 1790 von Bertuchs 'Journal des Luxus und der Moden' nachgedruckte deskriptive Text des römischen Karnevals von Goethe, der "alle anderen verfügbaren Berichte an Verständnis und Einsicht, Ausführlichkeit und Sachlichkeit der Darstellung, an Klarheit und Niveau des Stils übertraf" (Edward M. Batley), erschien ohne die Masken-Tafeln, und auch typographisch kam er in keinster Weise an Ungers Prachtausgabe heran. - Schwacher Wasserflecken unten rechts in den ersten zehn Textblättern, minimale Stockflecken hie und da.

Bibliographie: Hagen 193; Kippenberg I, 363; Hirzel A, 156-157; Schütterle, Untadelige Schönheit (1993), S. 44, Nr. 1; Wiederholte Spiegelungen. Weimarer Klassik (1999), S. 362f., Nr. 17; Batley, Das Römische Karneval oder Gesellschaft und Geschichte, in: Goethe Jb. Bd. 105 (1988), S. 128ff.; Lipperheide Sn 15-16.