GOETHE, Johann Wolfgang von (1749-1832). Wilhelm Meisters Lehrjahre. Ein Roman. 4 Bde. Kl.-8vo (170 x 110 mm). Mit 7 (von 8) gestochenen und gefalteten Musikbeilagen. [2] Bl., 364 S.; 374 S.; 371 S.; 507 S. Braune Halbmaroquinbände von Carayon, mit Rückenvergoldung. Berlin, Johann Friedrich Unger, 1795-96.

 

Erstdruck der Erstausgabe von Goethes Prototyp des deutschen Bildungsromans. Die Anfänge gehen bis ins Jahr 1777 zurück, als Goethe erstmals seinen autobiographisch getönten Theaterroman Wilhelms theatralische Sendung skizzierte. Auf Grund seiner Verlagsabsprache mit Unger und auch auf Drängen Schillers, mit dem Goethe im Juni den ersten Briefwechsel aufnahm und der den Roman zu gerne in seiner neu gegründeten Zeitschrift Die Horen als Fortsetzung veröffentlichen wollte, stellte Goethe auf das Frühjahr 1795 den ersten Abschnitt über die Lehrjahre für die geplante Werkausgabe fertig, dem dann im Herbst die restlichen Kapitel folgten. Wie in den allermeisten bekannten Exemplaren fehlt die achte Musikbeilage auch hier, weil Goethe vom Verleger Unger verlangte, dass die Reichhardtsche Komposition zum letzten Lied Mignons in Bd. IV ('So laßt mich scheinen, bis ich werde') aus allen noch nicht ausgelieferten Exemplaren zu entfernen sei.

Waren die ersten Reaktionen nach Erscheinen des Werks unter den Schriftstellerkollegen gespalten, so ist die Wirkung des Buchs auf die weitere Geschichte der deutschen Literatur von immenser Bedeutung. Zeugnis davon geben etwa Werke wie Jean Pauls Titan, Novalis' Heinrich von Ofterdingen, Eichendorffs Ahnung und Gegenwart,  Adalbert Stifters Nachsommer, Gottfried Kellers Grüner Heinrich und im 20. Jahrhundert z. B. Thomas Manns Zauberberg und Felix Krull sowie Hermann Hesses Siddhartha. Ein tadeloses Exemplar, unbeschnitten und im Meistereinband von Emile Adolphe Carayon (1843-1909).

Provenance: Prof. Dr. Heinrich Stilling (1853-1911), Lausanner Arzt und Bibliophile (Auktionskatalog, Zürich 1946, Nr. 91) und Exlibris Albert Natural.

Bibliographie: Hagen 221; Hirzel A 210/211; Kippenberg 354; Borst 373; Goedeke IV/3, 416.